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Pauli liest: „Fragile“

 

Photo © Pedro Jarque Krebs. All rights reserved.

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Glück gehabt – ich bin ein Hund in Deutschland! Meine Zähne sind nicht aus Elfenbein, aus meinem Fell will sich keiner einen Pelzmantel machen. Mein Zuhause wird nicht mit Plastikmüll zugeschüttet und der Klimawandel hat für mich noch keine bedrohlichen Auswirkungen. Freunde, heute geht es um ein sehr ernstes Thema – denn genau in diesem Moment kämpfen währenddessen unfassbar viele meiner tierischen Verwandten ums blanke Überleben.

"Fragile" heißt der jetzt bei teNeues erschienene Bildband zu Recht, denn die Situation, in die die Menschen sich auf dem blauen Planeten hineinmanövriert haben, ist heikel. Sie ist mittlerweile sogar so schlimm, dass zu hoffen ist, dass die in dem Band gezeigten spektakulären Tierporträts keinen Abgesang auf die Schönheit der bislang die Erde bevölkernden Tierarten darstellen. Zusammen mit den begleitenden Texten führen die Bilder des vielfach ausgezeichneten Tierfotografen Pedro Jarque Krebs eindrucksvoll vor Augen, was auf dem Spiel steht.

Planet ohne Tiere?

Die Eisbären sind zum Symbol des Klimawandels geworden. Dass sie verhungern, weil ihr Lebensraum durch die Öl- und Gasförderung in der Arktis und das Schmelzen des Packeises als Folge der Erderwärmung massiv eingeschränkt wurde, hat sich herumgesprochen. Dass Nashörner wegen ihres Horns und Elefanten wegen ihrer Stoßzähne weiterhin abgeschlachtet werden, obwohl beide Arten längst vom Aussterben bedroht sind, davon hat man gehört. Ebenso vom Schicksal der Orang-Utans in den Wäldern Südostasiens, deren Lebensraum zugunsten der Palmölproduktion zerstört wird, deren Junge gefangengenommen und als Haustiere verkauft werden. Aber auch Tiger, Leoparden, Giraffen, Zebras, Löwen, Wölfe, Braunbären, Flusspferde, Tapire, Ameisenbären und Lemuren sind betroffen? Sogar Erdmännchen, Pinguine, Flamingos, Geier und insgesamt eine von acht Vogelarten sowie die Hälfte aller Amphibien? Die Anzahl all dieser und unzähliger weiterer Tiere ist in den letzten Jahren derartig zurückgegangen, dass zu befürchtet steht, unsere Nachkommen werden ihnen nur noch im Zoo oder in altertümlichen Kinderbüchern begegnen können?

  • Great white pelican. Photo © Pedro Jarque Krebs. All rights reserved.

    Great white pelican Photo © Pedro Jarque Krebs. All rights reserved.
  • Lar gibbon. Photo © Pedro Jarque Krebs. All rights reserved.

    Lar gibbon Photo © Pedro Jarque Krebs. All rights reserved.
  • Nile crocodile. Photo © Pedro Jarque Krebs. All rights reserved.

    Nile crocodile. Photo © Pedro Jarque Krebs. All rights reserved.
  • Domestic sheep. Photo © Pedro Jarque Krebs. All rights reserved.

    Barbary sheep Photo © Pedro Jarque Krebs. All rights reserved.
  • Buchcover © fragile von Pedro Jarque Krebs

    Buchcover © fragile von Pedro Jarque Krebs
 

Ja, so sieht es aus. Schätzungen sprechen davon, dass aktuell alle zehn Minuten eine Tierart durch den Einfluss des Menschen ausgelöscht wird. Einem Bericht des World Wide Fund For Nature (WWF) zufolge sind in den letzten 40 Jahren etwa 60 Prozent der Wirbeltiere ausgestorben. Seit 1970 hat sich der Bestand an Landtieren um 38 Prozent verringert, der der Fische um 36 Prozent.
Tiere seien Maschinen ohne Bewusstsein, behauptete René Descartes, der Begründer der modernen Philosophie. Eine Ansicht, die zum Glück überwunden und wissenschaftlich widerlegt ist, so könnte man meinen: 2012 stellten Experten in der "Cambridge Declaration of Consciousness" offiziell klar, dass die Mehrzahl der Tiere über ein dem Menschen ähnliches Bewusstsein verfügt. Mittels ihrer neurologischen Anlagen können sie Empfindungen wie Schmerz, Lust oder Angst ausdrücken, sie können sich im Spiegel erkennen oder träumen. Am Umgang des Menschen mit den Tieren hat das bislang nichts geändert – weiterhin betrachtet er sie als Ware, weiterhin eignet er sich rücksichtslos ihren Lebensraum an und verschwendet die gemeinsamen Ressourcen des Planeten.
Mit mehr als sieben Milliarden Vertretern stellt der Homo Sapiens schon jetzt die größte Spezies auf der Welt dar – dicht gefolgt von den Ratten. Etwa 56 Milliarden Tiere, das Achtfache der Weltbevölkerung, tötet er derzeit pro Jahr für seine Ernährung. Die geschätzten 170 Millionen Tonnen an Meerestieren, die er Jahr für Jahr aus den Ozeanen fischt, sind dabei nicht eingerechnet. Im Jahr 2050 soll die Weltbevölkerung auf geschätzte zehn Milliarden anwachsen, der aktuelle Konsum könnte sich verdoppelt.

Planet ohne Menschen?

Durch seine Vernunft zeichne sich der Mensch aus, so behauptet er von sich selbst. Es wäre überfällig, das unter Beweis zu stellen. "Handeln ist angesagt – von jedem Einzelnen und von der Gemeinschaft", lautet dementsprechend die Forderung in der Einleitung des Buches. Es muss sowohl richtungsweisende politische Entscheidungen umfassen als auch die Umsetzung alternativer Lösungsvorschläge aus der Wissenschaft sowie die Änderung des wirtschaftlichen Verhaltens und die Durchsetzung eines verantwortungsbewussten und nachhaltigen Konsums.
Durch das Artensterben gerät unser Ökosystem aus den Fugen. Machen wir so weiter wie bisher, wird es eher früher als später kollabieren und die Erde wird auch für den Menschen nicht länger ein Ort des Überlebens sein. Und trotzdem, oder gerade deshalb: "Entscheidend ist, dass wir die Hoffnung nicht aufgeben dürfen, denn das ist die einzige Möglichkeit, den Zerstörungsprozess noch aufzuhalten", so das Credo des Buches. Immer mehr Menschen, die vor dem sich abspielenden Drama nicht länger die Augen verschließen können, stimmen dem zu.

  • Lemur. Photo © Pedro Jarque Krebs. All rights reserved.

    Lemur. Photo © Pedro Jarque Krebs. All rights reserved.
  • Barbary sheep. Photo © Pedro Jarque Krebs. All rights reserved.

    Barbary sheep. Photo © Pedro Jarque Krebs. All rights reserved.
  • Giant panda. Photo © Pedro Jarque Krebs. All rights reserved.

    Giant panda Photo © Pedro Jarque Krebs. All rights reserved.

„Es gibt nur zwei Arten sein Leben zu leben: Entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder.“

Albert Einstein

Über die exakten Ausmaße des Artensterbens gehen die Meinungen der Wissenschaftler auseinander. Dass die jährliche Rate des Aussterben von Tieren nicht nur alarmierend, sondern nahezu katastrophal ist, darin stimmen die Experten überein. Das Artensterben – eine Auswahl von fünf wissenswerten Fakten:

  • Eine von acht Vogelarten ist bedroht. Am meisten haben die Seevögel zu kämpfen: Über 77 Prozent der Vertreter dieser Spezies sind bedroht – hauptsächlich durch Überfischung, aber auch durch Klimawandel und Umweltverschmutzung.
  • 80 Prozent aller Tiere leben in den Ozeanen. Spätestens im Jahr 2050 soll es dort mehr Plastik geben als Fische, so schätzt man. Viele Arten werden es fressen oder sich darin verfangen und zugrunde gehen. Übrig bleibt das Plastik, das sich zu Mikropartikeln zersetzt und letztlich in die Nahrungskette des Menschen gelangt.
  • Besonders drastische Auswirkungen hatten die Eingriffe des Menschen bei den Amphibien. Mehr als die Hälfte dieser Arten steht weltweit vor der Auslöschung. Mit der zunehmenden Verstädterung, der Umweltverschmutzung und dem Klimawandel kommen diese empfindlichen Tiere nicht zurecht.
  • Etwa 8,7 Millionen Arten leben auf der Erde, so aktuelle Schätzungen. Nur 1,3 Millionen sind uns aber bekannt. Mehr als 86 Prozent der auf der Erde und 91 Prozent der im Meer lebenden Arten sind bislang unentdeckt. Viele von ihnen könnten aussterben, ohne dass wir sie kennengelernt haben.
  • Die Zoos rund um die Welt fungieren schon jetzt als eine Art Arche Noah für viele Tierarten. Kritisierte man sie früher wegen ihrer Unterhaltungsfunktion und ihrem kommerziellen Hintergrund, so stellen sie in unseren Tagen für viele Spezies die einzige Überlebenschance dar. Würde man die Tiere freilassen, fänden viele in ihrer Heimat keinen Lebensraum mehr vor und wären zum Tod verurteilt.


Pedro Jarque Krebs: fragile
erschienen bei teNeues, Hardcover, ca. 220 Seiten, 120 Farbfotografien, Texte in Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch, 50 €.